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Das Holzpferd

Gerne steige ich über eine berührende Geschichte ins Thema "Medienkindheit" ein, die mir immer wieder in den Sinn kommt. Zum Beispiel dann, wenn mir die digitale Welt wieder einmal so unbeschreiblich künstlich vorkommt.

 

Viel Vergnügen an der Geschichte mit dem Holzpferd!

 

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Das Holzpferd lebte länger in dem Kinderzimmer, als irgend jemand sonst. Es war so alt, dass sein brauner Stoffüberzug ganz abgeschabt war und eine ganze Reihe Löcher zeigte. Die meisten seiner Schwanzhaare hatte man herausgezogen, um Perlen auf sie aufzuziehen. Es war in Ehren alt und weise geworden…

 

„Was ist wirklich?“ fragte eines Tages der Stoffhase, als sie Seite an Seite in der Nähe des Laufställchens lagen, noch bevor das Mädchen heimgekommen war, um aufzuräumen. „Bedeutet es, Dinge in sich zu haben, die summen, und mit einem Griff ausgestattet zu sein?“

 

„Wirklich“, antwortete das Holzpferd, „ist nicht, wie man gemacht ist. Es ist etwas, was an einem geschieht. Wenn ein Kind dich liebt für lange, lange Zeit, nicht nur, um mit dir zu spielen, sondern dich wirklich liebt, dann wirst du wirklich.“

 

„Tut es weh“, fragte der Hase. „Manchmal“, antwortete das Holzpferd, denn es sagte immer die Wahrheit. „Wenn du wirklich bist, dann hast du nichts dagegen, dass es manchmal weh tut.“

 

„Geschieht es auf einmal, so wie man aufgezogen wird“, fragte der Stoffhase wieder, „oder nach und nach?“

 

„Es geschieht nicht auf einmal“, sagte das Holzpferd. Du wirst. Es dauert lange. Das ist der Grund, warum es nicht oft an denen geschieht, die leicht brechen oder die scharfe Kanten haben oder die schön gehalten werden müssen. Im Allgemeinen sind zu der Zeit, da du wirklich sein wirst, die meisten Haare verschwunden, deine Augen ausgefallen; du bist wackelig in den Gelenken und sehr hässlich. Aber diese Dinge sind überhaupt nicht wichtig: denn wenn du wirklich bist, kannst du nicht hässlich sein, ausgenommen in den Augen von Leuten, die überhaupt keine Ahnung haben.“

 

„Ich glaube, du bist wirklich“, meinte der Stoffhase. Und dann wünschte er, er hätte das nicht gesagt – das Holzpferd könnte empfindlich sein. Aber das Holzpferd lächelte nur….[1]


[1] Nach M. Williams, aus: Spaemann Heinrich; Das Holzpferd oder Schritte zur Wirklichkeit; Kösel Verlag 1975

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