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Durch CLUB-Sendung verletzt

Gestern wohnte ich einem Talk von blueTV mit Pfarrerin Priscilla Schwendimann und Regula Lehmann bei. An einer bestimmten Stelle blieb ich hängen. Priscilla Schwendimann berichtete von der betroffen machenden Erfahrung, dass sie nach der CLUB-Sendung vom 26. Juli mehrere Mails von Regenbogen-Kindern erhielt, die sich durch diese Sendung zu «Ehe für alle» über Worte der Vorlage-Gegner tief verletzt fühlten. Das macht auch mich sehr betroffen, und die Kinder tun mir in diesem Leiden von Herzen leid. Priscilla Schwendimann sieht unter anderem darin eine Dringlichkeit, der «Ehe für alle» zuzustimmen, damit diese Kinder, wie sie erhofft und glaubt, durch die gesellschaftliche Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Familien vor solchem Leiden bewahrt werden und mehr Sicherheit und rechtlichen Schutz erfahren könnten. Das scheint auf den ersten Blick als Lösungsansatz oder Lösungsweg einzuleuchten. Ich habe eine andere Sicht dazu. Es fällt mir nicht leicht, diese zu transportieren. Dies will ich sehr ehrlich tun.

 

Ich versuche mich in die Schuhe eines solchen Kindes zu stellen, das dieser Sendung zuschaut. Als Adoptiv- und Pflegemutter traue ich mir eine solche Identifikation durchaus zu und ich frage mich: Womit wurde ein Regenbogenkind in dieser Sendung konfrontiert? Unter anderem mit zwei unterschiedlichen Wegen, auf denen Menschen ins Leben gerufen werden.

 

Mit dieser Thematik hatten wir als Adoptiveltern auch zu tun. Im Leben unserer Kinder ging es um biologische Eltern, von denen sie natürlich gezeugt wurden, und um uns Stellvertreter-Eltern, die biologisch nicht mit ihnen verwandt sind. Eine Konfrontation mit einer unverrückbaren Wahrheit, die unsere Kinder enorm herausforderte. Ihre biologischen Eltern lernten wir kennen, was ich für uns alle als entlastend erlebte. Selbst ihre Adressen waren uns bekannt. Dadurch konnten wir verschiedene, zentrale Fragen zu ihrer Abstammung beantworten. Und Fotos ihrer ursprünglichen Eltern wurden von Anfang an in ihre Fotoalben geklebt. Echt ein Geschenk! Gleichwohl wurden unsere Kinder in ihrer Identitäts-Entwicklung mit diesen zwei Geschichten enorm herausgefordert. Und es fordert sie noch heute heraus. Auch sie hatten mit deftiger Ablehnung in der Schule zu tun. Auch sie wurden mit solchen Sticheleien verletzt: "Das sind ja gar nicht deine Eltern, bei denen du wohnst!" Mit allem, was nicht durchschnittlich ist, tun wir uns Menschen, seit es Menschen gibt, leider ziemlich schwer. Es war unsere Aufgabe, unsere Kinder zu herzen und zu trösten, und ihnen gleichzeitig verständnisvoll aufzuzeigen, dass diese Verletzung tatsächlich eine Wahrheit ihres Lebens beinhaltet, ihre Alternative aber das Aufwachsen im Kinderheim gewesen wäre. Es ist die Wahrheit, die uns frei macht, auch wenn sie unbequem oder hart ist.

 

Nun kommen aber für Regenbogenkinder zwei zusätzliche Herausforderungen dazu, die unsere Kinder nicht bewältigen mussten:

  • Einmal das Aufwachsen bei zwei Müttern oder zwei Vätern, was sich zusätzlich vom Durchschnitt unterscheidet, was, so denke ich, ihre geschlechtliche Identitäts-Entwicklung doppelt herausfordert.
  • Zweitens kommt die unnatürliche Zeugung durch einen unbekannten Vater dazu, der zum Familien-System gehört und doch nicht.

Auch darüber wurde in der Sendung intensiv diskutiert, in der die Regenbogenkinder eins zu eins mitbekamen, wie sich Gegner der Vorlage für die natürliche Zeugung und die biologisch gesetzte Familie von Mann, Frau und Kind stark machten. Ja, wie sie sich dafür einsetzten, dass Kinder auch künftig in natürlichen Familien mit Vater und Mutter aufwachsen können. Was für eine Herausforderung und aus ihrer Warte irgendwie auch eine Infragestellung ihrer Existenz ...! Ich nehme das selber sehr deutlich wahr, und es schmerzt mich tief an ihrer Stelle. Es kann geradezu schockierend für diese Kinder sein. Ich begreife das. Es ist eine harte Konfrontation, der sie sich gegenüber sahen, und das greift sie in ihrer Identität an. Bilder im Gespräch mit unseren Kindern kommen mir in den Sinn, in denen ich ihnen auf keine Weise eine biologische Mutter, mein Mann keinen biologischen Vater bieten oder sein konnte. Diese harte Tatsache des Ungewöhnlichen, nicht Durchschnittlichen, wie auch immer man es nennen mag, bleibt Wahrheit für ihr ganzes Leben. Und dies müssen sie in einem langen Prozess verdauen und annehmen lernen. Gott sei Dank kannten sie von Anfang an den Bauch, in dem sie gewachsen sind.

 

Nun wurden die Regenbogenkinder durch diese Sendung unsanft mit ihrer nicht durchschnittlichen Herkunfts- und Familiengeschichte konfrontiert. Das ist keine simple Sache! Sie sahen sich der harten Wahrheit gegenüber, dass neues Leben natürlicherweise von Mann und Frau gezeugt wird, wo ein Kind dann allermeist auch aufwächst. Gleichzeitig sassen sie bei ihren beiden Müttern, von denen sie geliebt werden und die auch sie von Herzen lieben. Und mittendrin diese Gegner der Vorlage, die dafür plädieren, gerade davon Abstand zu nehmen, Kindern solche Herstellungswege und Familien-Konstellationen zuzumuten und bei des Schöpfers Idee, Familie zu bauen, zu bleiben. Das macht ganz viel mit ihnen! Was für eine innere Zerreissprobe! Wie unsäglich weh muss das Kindern tun, die in einer ganz andern Konstellation leben! Ich kann das überaus gut nachempfinden. So ist es auf den ersten Blick verständlich, dass Frau Schwendimann in der Annahme der Vorlage den Lösungsweg, bereits bestehende Kinder von diesem Leiden zu befreien, sieht. Doch obwohl ich zutiefst mit diesen betroffenen Kindern mitleide, kann ich diesem Lösungsansatz nicht folgen. Weshalb denn nicht?

 

Ich bin überzeugt: Diese harte Konfrontation mit ihrem Herkunftsweg und jenem, wie die Natur oder der Designer des Menschen vorgesehen hat, Menschen zu schaffen und Familie zu bauen, käme auch ohne diese Sendung irgendwann unsanft auf diese Kinder zu. Auf jedes. Nun bin ich sicher, dass es Kinder gibt, die damit einigermassen locker werden umgehen können. Wenn ich allerdings an die Identitäts-Kämpfe sehr vieler Adoptivkinder denke, wird das auch bei Regenbogenkindern nicht die Mehrheit sein. Die meisten Regenbogenkinder werden zu unterschiedlicher Zeit durch einen sehr herausfordernden Prozess des «woher komme ich – wer bin ich» gehen, in welchem Themen, wie sie in der Sendung engagiert und komprimiert diskutiert wurden, eingeschlossen sein werden. Zu komprimiert wohl für sie. Und es war ja, offen gestanden, auch keine Kindersendung. Das aber kann mir niemand glaubhaft machen, dass diese Fakten, um die es in der CLUB-Sendung ging, spurlos an Regenbogenkindern vorbeigehen werden. UND GERADE DESHALB setzen wir Gegner der Vorlage uns so eindeutig dafür ein, dass «Ehe für alle» abgelehnt werden sollte. Jetzt kann man uns anlasten, uns seien die bereits bestehenden Regenbogenkinder gleichgültig. Aber das wäre so sehr unfair. Das ist einfach nicht wahr. Mit diesen Kindern leiden wir mit. Auch ihre Not, welche die CLUB-Sendung ausgelöst hat, macht mich total betroffen! Trotzdem sage ich zu «Ehe für alle» Nein. Wir sagen nein zum unnatürlichen Familienbau und zur Entfremdung des Wesens der Ehe.  

 

Ich glaube, wir stehen diesbezüglich in einem verrückten Dilemma! Und zwar, weil es in unserem Land, warum auch immer, schon eine recht grosse Anzahl dieser Kinder gibt, BEVOR über die Vorlage abgestimmt werden konnte.

 

Sollen/müssen wir dieser bereits bestehenden Kinder wegen nun einfach diese Vorlage bejahen?

 

Doch bedenken wir: DANN muten wir einer wohl noch viel grösseren Anzahl Kinder solch beschriebenes Leiden und solche herausfordernden Identitäts-Geschichten zu, die ich keinem einzigen Kind VORSÄTZLICH zumuten möchte. Geschichten, in denen von Anfang an ein Bruch zum Vater liegt. Nein, diese Konfrontation mit ihren «Hard-Facts» kann ihnen wirklich niemand ersparen. Dass solche Kinder schon da sind, können wir nicht rückgängig machen. Entschieden haben dies ihre Eltern. Dass sich verschiedene ihrer Kinder durch die CLUB-Sendung tief verletzt fühlten, spiegelt die überaus komplexe Brisanz der Thematik wider. Ein Dilemma, das meiner Ansicht nach aus aufgezeigten Gründen niemals durch das Ja zur Vorlage befriedigend gelöst werden könnte. Im Gegenteil.

 

Vorsätzlich und gesetzlich für solche noch komplexeren Fakten und Geschichten sorgen, die künftige Regenbogenkinder betreffen würden, das kann ich auch dann nicht unterstützen, wenn bereits vor der Abstimmung solche Kinder unter uns leben. Auch das Argument, dass bei Ablehnung der Vorlage weiterhin solche Familien entstehen würden, ist kein stichhaltiges, reifes Argument, für "Ehe für alle" zu sein. Für eine persönliche Entscheidung ist man dann eben auch persönlich verantwortlich. - Ich war einmal verlobt und realisierte dann, auf der falschen Spur zu sein. Ja, sollte ich nun nach der ersten falschen Entscheidung auch die zweite falsche treffen, einfach, weil ich bereits verlobt war? Ich ging den nötigen Schritt rückwärts. Ein Geschenk, nicht nur für mich!

 

Die grosse Frage, die mich jetzt natürlich bewegt, bleibt im Raum hängen: Wie aber würden wir uns dann um jene Regenbogenkinder kümmern, die bereits da sind, falls «Ehe für alle» abgelehnt würde? Diese Frage müsste wirklich beherzt angegangen werden. Wie können sie gesellschaftlichen Schutz erfahren, den sie nötig haben? Darauf habe ich bisher keine Antwort. Gleichzeitig weiss ich beim besten Willen nicht, was ich zu diesem Dilemma beigetragen habe? Wenn ich etwas dazu beitragen kann, was die Identität dieser Kinder stärkt und Wunden verbindet, bin ich bereit dazu.

 

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